MAN SD 76 bei der BVG
(MAN SD 200)

Es liegen weitere Beschreibungen vor zum SD 200:
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Technische Daten SD 200

Noch bevor alle Fahrzeuge der Bauart SD 75 in Diensten der BVG standen, begann im Winter 1975 die Auslieferung der ersten von vierzig Wagen der Nachfolgeserie SD 76 I. Die zunächst BVG-intern als SD 75 II bezeichnete Serie umfasste die Wagen 2773 bis 2812.

 

Die vierzig Fahrzeuge waren zwar technisch mit den zuvor ausgelieferten Wagen der Serien SD 74 und SD 75 gleich, da sie aber Bestandteil des Lieferloses für das Jahr 1976 waren, erfolgte relativ kurz nach ihrer Indienststellung die interne Zuordnung zu den für das Jahr 1976 bestellten Fahrzeugen und die schon beschriebene interne Bezeichnung als SD 76 I. Die Busse wurden von den Berliner Aufbauherstellern Orenstein & Koppel (Wagen 2773 - 2797, 25 Wagen) und der Waggon Union (2798 - 2812, 15 Wagen) gefertigt.

 

Bei Indienststellung sind die Busse den Betriebshöfen Britz (2773 - 2786, 14 Wagen), Spandau (2787 - 2792, 2811 und 2812, 8 Wagen) und Müllerstraße (2793 - 2799, 2801 - 2810, 14 Wagen) zugewiesen worden. Lediglich der Wagen 2800 war auf dem Betriebshof Zehlendorf beheimatet, da dieser Wagen über den vorderen Radkästen versuchsweise statt der rückwärtigen Einzelsitze Gepäckablagen erhalten hatte. Alle bisherigen SD 200 waren auf beiden vorderen Radkästen mit jeweils einem Einzelsitz in Fahrtrichtung und entgegen der Fahrtrichtung ausgestattet (so, wie es im Modell dieses Bustyps von der Firma Wiking bis zuletzt nachgebildet war). Erst mit dem ab Oktober 1976 begonnenen Umbauprogramm erhielten auch die älteren Fahrzeuge der Bauart eine neue Sitzplatzanordnung mit einer Dreierquerbank über dem vorderen Radkasten der Einstiegseite und einem Einzelsitz in Fahrtrichtung und rückwärtiger Gepäckablage entgegen der Fahrtrichtung auf der Dammseite. In der Summe konnte so die Anzahl der Sitzplätze im Fahrzeug beibehalten und eine zusätzliche Ablagefläche gewonnen werden. In zeitgenössischen Veröffentlichungen wurden die Kosten für den Umbau mit 300,00 D-Mark pro Bus beziffert.

 

Die Zuordnung der Fahrzeuge zu den Betriebshöfen änderte sich während ihrer Einsatzzeit nicht. Lediglich der ehemalige Erprobungswagen 2800 ist mit der Schließung des Betriebshofes Lichterfelde am 1. Februar 1988 und einer damit einhergehenden Umstrukturierung des Fuhrparks zum Hof Müllerstraße umgesetzt worden: Es sollten von dem die Leistung des Betriebshofes Lichterfelde weitestgehend übernehmenden Betriebshof Zehlendorf aus nur noch Doppeldecker mit zwei Treppen zum Oberdeck zum Einsatz kommen.

 

Als erstes Fahrzeug der Bauart SD 76 I gelangte der numerisch erste Wagen dieser Bauart am 15. Dezember 1980 in die Großreparatur, die am 4. Februar 1981 an diesem Fahrzeug beendet war. Als letzter SD 76 I erhielt der Wagen 2810 eine Aufarbeitung, die im Oktober 1983 abgeschlossen wurde.

 

Mit Wagen 2799 schied im August 1987 das erste Fahrzeug der Bauart SD 76 I aus dem BVG-Bestand aus. Mit Abstellung der noch verbliebenen Wagen 2773, 2775, 2778, 2779, 2783, 2784, 2786, 2788, 2800, 2802, 2804, 2807, 2809 und 2811 zum 31. März 1989 endete zunächst das Kapitel der SD 76I im Liniendienst der BVG.

 

Ende der Achtzigerjahre wurden betriebsfähige, aber überzählige BVG-Busse als so genannte SMOG-Reserve noch eine zeitlang vorgehalten und in der Halle eines stillgelegten Straßenbahnbetriebshofs untergestellt. Als nach dem Fall der Berliner Mauer das Fahrgastaufkommen der in die Stadt strömenden Besuchermassen kaum noch zu bewältigen war, wurden die Wagen 2775, 2786 und 2811 aus der SMOG-Reserve heraus reaktiviert und am 14. Dezember 1989 (2775 und 2786) bzw. 28. Dezember 1989 (2811) wieder amtlich zugelassen. Die Busse wurden den Betriebshöfen Müllerstraße (2775) und Cicerostraße (2786) zugewiesen. Wagen 2811 gelangte zunächst ebenfalls vom Betriebshof Müllerstraße aus zum Einsatz, wurde dann aber Anfang 1990 zu seinem Ursprungsbetriebshof Spandau umgesetzt. Der Einsatz der reaktivierten Wagen 2775 und 2786 endete endgültig im September 1990, Wagen 2811 schied Ende Februar 1991 aus dem Bestand aus.

 

Trotzdem fand noch lange Zeit später ein Bus dieser Serie zurück zur BVG. Die außergewöhnliche Geschichte dieses Fahrzeugs, 2778, können Sie hier nachlesen.

 

SD74
SD74
Etwa fünfzehn Jahre liegen zwischen beiden Bildern: Während Erhardt Schulz den noch neuen Wagen 2775 am U-Bahnhof Britz Süd ablichtete, verdankt Carsten Lau sein - optimal ausgeleuchtetes - Foto nur der nochmaligen Reaktivierung des Busses nach dem Mauerfall.

 

Als im April 1976 die letzten Wagen der Serie SD 75 II - bzw. später SD 76 I - noch auf ihre Auslieferung an die BVG warteten, gelangten bereits die ersten Fahrzeuge der Serie SD 76 (II) in den Liniendienst. Die achtzig Busse dieser Bauserie erhielten die Wagennummern 2813 bis 2892 und wurden von den Firmen Waggon Union (Wagen 2813 - 2862, 50 Fahrzeuge) und Orenstein & Koppel (Wagen 2863 - 2892, 30 Busse) karossiert.

 

Bei der Indienststellung erfolgte die Zuweisung der Neuwagen auf die Höfe Spandau (2813 - 2849), Helmholtzstraße (2850 - 2862 und 2887 - 2892), Zehlendorf (2863 - 2870) und Müllerstraße (2871 - 2886). Bis auf wenige Umsetzungen - im Mai 1984 wurden dem Hof Usedomer Straße die Wagen 2883 - 2887 zugewiesen und Wagen 2848 und 2849 waren bereits im Jahr 1979 von Spandau zum Betriebshof Cicerostraße umgesetzt worden - änderte sich auch bis kurz vor der Ausmusterung dieser Fahrzeugserie nichts an dieser Aufteilung.

 

Technisch unterschieden sich die meisten Fahrzeuge der Serie SD 76 II von älteren SD 200 dadurch, dass diese nun mit einem MAN-D2566-MUH-Motor statt mit dem bisher in SD 200 verbauten MAN-D2566-MXUH-Motor ausgestattet waren. Dieser modifizierte Motor hatte bei ansonsten gleicher Leistung einen etwas größeren Hubraum. Gemäß einem im November 1976 von der BVG zu diesem Fahrzeugtyp erstellten Typenblatt waren die Wagen 2813, 2823, 2873 und 2874 hingegen mit dem in älteren SD 200 verbauten MXUH-Motor ausgestattet.

 

Im Alltagsbetrieb profitierten sowohl Fahrgäste als auch das Fahrpersonal von dem nun erstmals (die Wagen 2623 - 2625 und 2627 für die Arbeitskräftewerbung einmal ausgenommen) in Doppeldeckern der BVG verwendeten Voith-DIWA-851-Getrieben mit drei Fahrstufen. Mit diesem Getriebe konnte insbesondere bei höheren Geschwindigkeiten eine größere Laufruhe im Fahrbetrieb erreicht werden. Weitere nennenswerte technische Änderungen gegenüber den SD 200 älteren Baujahres bestanden nicht.

 

Als erster Wagen der Bauart SD 76 II gelangte der Wagen 2818 in die Fahrzeugaufarbeitung, die an diesem im Mai 1982 beendet war. Mit dem numerisch letzten Wagen der Bauart wurde die Aufarbeitung von SD 76 II abgeschlossen: Wagen 2892 kehrte Ende Dezember 1983 aufgefrischt auf Berlins Straßen zurück.

 

Der erste Abgang eines SD 76 II aus dem Bestand der BVG war zugleich auch der erste Abgang eines SD 200 von der BVG überhaupt: Im September 1984 wurde der Wagen 2884, dessen Aufarbeitung zu diesem Zeitpunkt gerade einmal ein Jahr her war, bei einem Unfall derart stark beschädigt, dass der Bus noch im Oktober 1984 amtlich abgemeldet und verschrottet worden ist. Da sich im Jahr 1984 die Doppeldeckerflotte der BVG überwiegend aus SD 200 zusammensetzte, sind dem Wagen 2884 zuvor natürlich noch wichtige Ersatzteile entnommen worden. So fand beispielsweise dessen Bestuhlung im Wagen 3162 (SD 78) Verwendung. Dieser Bus des Baujahres 1978 war seit seiner Fertigung stets als unbestuhltes Versuchsfahrzeug für Antriebs- und Bremstechniken und ohne feste Zulassung verwendet worden. Nach Abschluss dieser Versuche wurde der Wagen 3162 im Jahr 1985 für den Linienbetrieb hergerichtet, wofür auch eine komplette Bestuhlung benötigt wurde.

 

Die altersbedingte Ausmusterung der SD 76 II begann Anfang 1988 mit der Abstellung des Wagens 2885. Bereits im Sommer des Folgejahres standen von den einst 80 Bussen dieser Bauart nur noch 33 im Liniendienst. Ohne die politischen Ereignisse des Herbsts 1989 wären wohl auch diese Wagen nicht mehr lange im Bestand geblieben. Aufgrund des nun nicht mehr endenden Besucherstroms nach West-Berlin wurde jedoch die weitere altersbedingte Ausmusterung von Linienbussen bei der BVG gestoppt, womit diesen Wagen eine Gnadenfrist zuteil wurde.

 

Als im Herbst 1990 die Wiedervereinigung der zuvor 28 Jahre getrennten Stadthälften Berlins durch demonstrativ gelebte Gemeinsamkeiten voran getrieben werden sollte, betraf dies selbstverständlich auch den Alltagsbetrieb der BVG (West) und BVB (Ost) und hier insbesondere die von den damals noch eigenständigen Unternehmen gemeinsam betriebenen grenzüberschreitenden Buslinien 59 (U-Rudow - Flughafen Schönefeld), 70 (Pankow, Kirche - Moabit, Wiebestraße), 89 (Pankow, Vinetastraße - U-Mierendorffplatz) und 100 (Alexanderplatz - Zoologischer Garten).

 

Auf diesen Linien kamen neben BVG-Fahrzeugen auch insgesamt 34 zuvor von der BVG an die BVB abgegebene Altfahrzeuge der Bauart SD 200 zum Einsatz. Neben 17 Bussen der Bauart SD 77 waren es die elf Wagen 2820, 2821, 2828, 2844, 2848, 2851 - 2853, 2855, 2860, und 2866, die ab Ende September 1990 - mit neuen DDR-Zulassungen - zwar weiterhin in Berlin, aber seitens der BVB vom Betriebshof Indira-Gandhi-Straße aus zum Einsatz kamen.

 

Die neuen Zulassungen der SD 76 II bei den BVB lauteten:

ex BVG-Wagen

Neue Zulassung

BVB-interne EDV-Nummer

2820

IAK 2-01

466 201

2848

IAK 2-02

466 202

2852

IAK 2-03

466 203

2828

IAK 2-06

466 206

2851

IAK 2-11

466 211

2866

IAK 2-12

466 212

2821

IAK 2-16

466 216

2844

IAK 2-17

466 217

2853

IAK 2-18

466 218

2855

IAK 2-19

466 219

2860

IAK 2-20

466 220

 

Bereits zwei Monate später wurden noch die Wagen 2834, 2840, 2843, 2845, 2861 und 2889 von der BVG an die BVB abgegeben, womit die BVB neben den 17 SD 77 auch über 17 Wagen vom Typ SD 76 II verfügte. Da in Vorbereitung einer Verschmelzung der BVG mit der BVB ab dem 1. Januar 1991 die Umzeichnung von BVB-Bussen auf eine B-V-Zulassung begann - womit die letztgenannten sechs Busse nach kurzer Zeit wieder von "IAK" auf "B-V" zurückgekennzeichnet worden wären - behielten die zuletzt an die BVB überstellten Busse ihr B-V-Kennzeichen. Intern wurden die Busse als Wagen 466 229 (2834), 466 230 (2840), 466 231 (2861), 466 232 (2845), 466 233 (2843) und 466 234 (2889) geführt.

 

Die 16 bei der BVG verbliebenen Busse dieser Bauart waren noch bis Mitte Juni 1991 im Bestand und wurden dann ausgemustert, womit im Sommer 1991 in Berlin vom Typ SD 76 II lediglich noch die oben genannten 17 Wagen der BVB im Linieneinsatz standen.

 

Mit der Fusion der beiden Verkehrsbetriebe zum 1. Januar 1992 gelangten die letzten sechs bis dahin verbliebenen SD 76 II wieder zurück zur BVG. Mit der Abstellung der Wagen 2840, 2843, 2845, 2861 und 2889 am 4. Juni 1992 endete der Einsatz von SD 76 II im Liniendienst der BVG.

 

Text: Christian Neuhaus
Stand: 12.05.2009

 

SD

Am 15. Mai 1976 fand bei Orenstein & Koppel in Spandau ein Tag der offenen Tür statt. Einige SD 76 näherten sich der Fertigstellung, so auch 2888.

Foto: B. Hoff, Bearbeitung A. Spors

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Gefeiert wurde 100 Jahre O&K, und der zur Ablieferung bereite 2886 feierte mit.

Foto: B. Hoff, Bearbeitung A. Spors

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Hinter 2887 sieht man eine Reihe weiterer Busse in verschiedenen Schritten der Komplettierung.

Foto: B. Hoff, Bearbeitung A. Spors

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Fertig! Wagen 2885 war bereits fertiggestellt und durfte sich aus der Fertigungshalle hinauswagen. Alle abgebildeten Busse wurden noch im selben Monat an die BVG abgeliefert.

Foto: B. Hoff, Bearbeitung A. Spors

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Fähnchen oben: Zu Zeiten, als SD 76 II neu auf Berlins Straßen waren, erfolgte die Beflaggung von Bussen zu besonderen Anlässen noch an der Spiegelhalterung.

Foto: E. Schulz

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Ganz alt hingegen war der Wagen 2820, als ihn Carsten Lau mit DDR-Zulassung im Einsatz auf der Linie 100 knipste.

Foto: C. Lau

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Alles wurde wieder verwendet: Das schon fast legendäre Improvisationstalent oder dass man auch aus "Nichts" noch etwas machen kann, beweist exemplarisch die im Fahrzeuginneren über der Einstiegtür angeschraubte Wagennummer des an die BVB abgegebenen Wagens 2821: Während auf der Vorderseiten die auflackierte Wagennummer zu lesen ist,…

SD

…lässt die Rückseite die ehemalige Verwendung des kleinen "Plaste-Streifens" erahnen.

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Mitten im Wohngebiet liegt die ehemalige Endstelle Weinmeisterhornweg in Spandau, an der Erhardt Schulz die Rückfahrt des Wagens 2831 nach Heiligensee erwartet.

Foto: E. Schulz

SD

Die frühe Aufnahme des Wagens 2888 zeigt gut, woran man SD 200 des Aufbauherstellers Orenstein & Koppel bis Baujahr 1976 von denen von Gaubschat oder von der Waggon Union unterscheiden konnte: Während letztere Hersteller bei Wartungsklappen außer beim Elektrofach auf Scharniere setzten, verwendete erstgenannter Aufbauhersteller bei weniger stark genutzten Wartungsklappen gerne Gummilippen zur Befestigung (kleines Wartungsfach vor der Hinterachse).

Foto: E. Schulz