Befinden wir uns im Größenwahn?

Das ist eine schwierige und auch sehr unpräzise formulierte Frage. Fasse ich mich also konkreter! Ich meine natürlich nicht den Größenwahn eines kriegsführenden Staates, sondern uns – Traditionsbus Berlin, aber auch ein wenig das Thema Doppeldeckbusse im Berliner ÖPNV allgemein.

Drei DL-Wagen befinden sich nun in unserer Sammlung!

Nach dem Thema "50 Jahre E2H-Autobusse in Berlin" wenden wir uns der Gegenwart zu. Die BVG hat bereits den Großteil Ihrer DL-Wagen vom Typ MAN A39 ausgemustert. Die Lieferung und Inbetriebnahme des Nachfolgemodells vom Hersteller ADL (Alexander Dennis Ltd) Typ Enviro 500 ist in vollem Gange und somit das Ende der MAN Wagen in Sicht. Immer, wenn ein typischer Berliner Linienbus aus dem Alltagsbetrieb verschwindet, tritt seit nun 33 Jahren Traditionsbus auf den Plan. Im November 1989 retteten wir den letzten bei der BVG befindlichen DE-Doppeldecker, Wagen 2556, vor der Verschrottung und kauften ihn für trotzdem stolze 5.000 DM (zzgl. 14% MwSt. = 5.700 DM). Weitere DE kamen über Zwischenbesitzer hinzu, und die Zahl der „Museums“-DE wuchs auf sechs (fünf BVG-Wagen und einer von der LVG). Es folgten die SD, die wir nun fast ausnahmslos direkt von der BVG erwarben (viermal BVG und einmal LVG) und die D (wieder viermal BVG und einmal LVG). Natürlich ist auch ein DN samt einem Ersatzteilspender bei uns vertreten. Tja, und nun sind die DL an der Reihe. Wie Ihnen vielleicht bekannt ist, haben wir uns im März 2019 entschieden, den drei Monate zuvor ausgemusterten Prototyp vom Baujahr 2004 mit der Betriebsnummer 3099 zu kaufen. Das brauchte noch eine Sondergenehmigung „von oben“, da alle abgestellten DL-Wagen ausnahmslos dem Schrott zuzuführen waren. 3099 war und ist einfach zu gut für den Schrott! Es folgte unplanmäßig 3196 aus der ersten Serie des Baujahres 2005, der über den Umweg von Hertha BSC im Dezember 2019 zum echten Sonderpreis von 500 Euro zu uns kam. Ein saniertes Fahrzeug mit sehr guter Substanz, das wegen eines Defekts an der Antriebsachse ausgemustert worden war. Und um die „Sache“ rund zu machen, entschlossen wir uns im Januar 2022, einen DL aus der letzten Serie von 2009 zu übernehmen, Wagen 3511. Rost war hier der Abstellungsgrund, aber die Aggregate des Busses überzeugten uns wegen ihrer teils recht geringen Laufleistung. Wenn Sie einen kurzen Blick auf die DL-Doppeldecker werfen, fragen Sie sich, wo hier die Unterschiede sind. Bei genauerer Betrachtung werden Sie sie finden, auch bei den Dieselmotoren. Ferner dokumentieren wir so die Umbauten und Änderungen an den Wagen im Laufe ihrer BVG-Zeit. Drei „Museumsbusse“ stehen 416 Wagen aus dem BVG-Betrieb gegenüber, also ein Quotient von 139 gebauten Bussen pro Traditionsfahrzeug. (Bei den DE-Wagen liegt der Wert inklusive LVG bei 137 ist also nahezu gleich.)

Nun aber zurück zum „Größenwahn“! Ja, die DL-Wagen sind lang und schwer, die MAN messen 13,73 Meter und ihr zulässiges Gesamtgewicht beträgt gemäß jüngsten Änderungen 26.665 kg, ursprünglich bis zu 28 Tonnen bei einem Leergewicht von 17.275 kg. Ein Büssing DE Doppeldecker verfügt bei 98 Fahrgästen (90 Sitz- und 8 Stehplätze) über ein Gesamtgewicht von 15.800 kg. Bei den SD wuchs dieser Wert auf 16.200 kg bzw. 16.500 kg, bei den D auf 17.000 kg. Die DN erreichten die gemäß StVZO für Zweiachs-Fahrzeuge damalige Maximalgrenze von 18.000 kg. Und dann kam 2004 die neue Generation, der DL, der Hoffnungsträger auf den Fortbestand der Doppeldecker-Tradition in Berlin, nun mit Klimaanlage und allem was ein moderner Linienbus so braucht. Es war klar, dass hier eine dritte Achse hermusste, um das Gewicht zu tragen. Allerdings bringt diese Achse wiederum zusätzliches Gewicht. Fazit: Ein vollbesetzter DE Doppeldecker wiegt mit etwas Überladung das gleiche wie ein DL ohne Fahrgäste. Natürlich kostet das auch Energie, ein Faktor, der bis vor kurzem noch nicht so sehr ins Gewicht fiel wie jetzt. Auch hier gilt: Abhängig von der Fahrweise des Fahrers, der Fahrerin (des Fahrenden...) und der Frage, Klimaanlage an oder aus, ungefähr doppelter Kraftstoffverbrauch, DE 35 Liter auf 100 Kilometer, DL ca. 70. Die neuen Doppeldecker aus dem Hause ADL fallen nun ein wenig leichter aus: 16.400 kg Leer- und 26.000 kg zulässiges Gesamtgewicht. Dafür sind sie sieben cm länger.

Was will ich Ihnen mit diesen Zahlen zeigen? Ja, der Gedanke, dass Traditionsbus Berlin mit 40 bis 50 „Museumsbussen“ und dem dazugehörigen Ersatzteillager, um die Wagen betriebsbereit zu halten, einen Hang zum Größenwahn hat, ist nicht abwegig. Ein Pro-Argument für die Bewahrung einer solch großen Anzahl von Bussen habe ich oben erwähnt. Das Contra-Argument lautet Flächenknappheit in Berlin und hohe Mieten mit Blick auf den uns bevorstehenden Umzug. Ob das Wort „Größenwahn“ auch Anwendung auf die Beschaffung von Neufahrzeugen nicht nur in Berlin finden sollte, bleibt Ihnen überlassen. Denn generell wurde immer alles größer und schwerer, Busse, Straßenbahnen, PKW. Eine Konsequenz hieraus lautet: stärkere Straßen- und Brückenschäden. Aber das bekommt man mit viel Geld und Technologie in den Griff. Wie das mit dem Energieverbrauch aussieht, weiß ich nicht.

Ich hoffe, mit diesen Zeilen niemandem zu nahe getreten zu sein und Sie vielleicht zum Nachdenken angeregt zu haben. Mit Blick auf uns Menschen gebe ich Ihnen den Ratschlag: Gehen Sie mit Leichtigkeit durchs Leben, denn Schwermut bringt nichts. Für alle, die mit den ständig verwendeten Kürzeln nichts anfangen können: DE = Doppeldeck Einmannwagen SD = Standard Doppeldecker D = Doppeldecker DN = Doppeldecker Niederflur DL = Doppeldecker lang

Ihre Meinung zu diesem Thema interessiert uns. Daher bitte ich Sie, falls Sie mit Ihren Gedanken nicht hinter dem Berg halten wollen, um eine Email an info@traditionsbus.de. Sie können natürlich auch ganz klassisch einen Brief an uns richten – vielen Dank!

Stefan Freytag

Nachsatz: Sollten wir uns um die Anerkennung als Weltkulturerbe bewerben???



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zuletzt aktualisiert 21.5.2022