Unser Fahrtenprogramm für 2024: hier in der aktualisierten Broschüre (pdf, 4.8 MB).

Die nächste Sonderfahrt: Weeßte noch!? - Auf den Spuren der Linie 99 am 21.7.24.
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Abschiedskultur!

Liebe Leserschaft,

unser aktuelles Startseitenthema wirft ein Blick auf die Verabschiedung von Fahrzeuggenerationen, gemeint sind hier Busse und auch Straßenbahnen der BVG. Anlass hierfür ist die Abschiedsfahrt des letzten Doppeldeckers vom Typ BVG A39 (DL 07) – Wagen 3265 am 11.11.2023 auf der Linie 200 - und die Wiederinbetriebnahme unseres 3196 (DL 05) mit seinem Ersteinsatz auf dem 218er am 20. April 2024. (Noch nie war die betriebsbereite Bushistorie der Vergangenheit so dicht auf den Fersen...)

Denn während frühere Busgenerationen oft sang- und klanglos aus dem Stadtbild verschwanden, hatte der letzte Einsatztag eines MAN DL Volksfestcharakter. Massen von Fans, darunter sehr viele ganz junge Menschen (immer nur Jungs...), nahmen tausende von Fotos auf und versuchten, einen Platz im oft überfüllten 3265 zu ergattern. Das zeigt, welche Strahlkraft diese Busserie für viele Menschen besitzt, die mit ihr aufgewachsen sind. So war es sehr gut, dass die BVG der trauernden Fangemeinde diese Abschiedsgelegenheit geboten hat. Busse und Straßenbahnen sind keine Menschen, aber scheinbar doch eine Art von zuhause gerade für die junge Generation. Mit Bezug auf den oberen Satz erinnern wir uns an den letzten Einsatztag von Büssing D2U und DF Doppeldeckern in West-Berlin. Es war wohl klar, dass der 30. April 1978 den Abschied bedeuten würde, aber zelebriert wurde hier gar nichts, obwohl gerade die Ausmusterung der D2U-Wagen mit ihren Pendelschaffnern einen starken Identitätsverlust für West-Berlin darstellte. Denn in den sechziger Jahren gab es kaum eine Postkarte, auf der nicht ein D2U zu sehen war. Der langjährige Vorsitzende unseres Fördervereins, Frank von Riman-Lipinski, erinnert sich, dass er am 30. April ausgiebig mit D2U und DF Autobussen unterwegs war. Am 1. Mai hielt er dann erneut Ausschau nach seinen Lieblingsbussen auf den verbliebenen Schaffnerlinien. Aber er traf diese nicht mehr auf den Straßen an und konnte dies einfach nicht fassen. Ein früherer BVG-Schaffner und -Fahrer, der bis 2022 bei uns aktiv war, leistete einen Schaffnerdienst auf einem D2U „uff´m 48er“ an jenem 30. April. Da war nichts von Abschied und Würdigung dieser Busse zu spüren. Immerhin erwähnte die BVG in ihrem umfangreichen Heft zum 50sten Jubiläum des Verkehrsunternehmens im Jahr 1979 mit einigen Zeilen die Rückkehr des letzten DF (Wagen 1638, steht bei uns als Hülle in der Halle) und D2U nachts auf den Betriebshof.

Bei der folgenden Fahrzeuggeneration, dem DE, war es noch „bescheidener“. Im morgendlichen Berufsverkehr setzten die Betriebshöfe Britz und Müllerstraße am 30. September 1987 ein letztes Mal einige wenige Wagen ein und das war´s. Unser Frank Woschczytzky, Fahrer des letzten BVG MAN-Doppeldeckers am 11. November 2023, war damals als Jugendlicher nach der Schule auf der Suche nach den DEs, aber sie waren verschwunden!

Zum Ende der Betriebszeit der SD Doppeldecker, das im Dezember 2002 erwartet wurde, gab es uns bereits und eine Abschieds-Sondertour mit zwei unserer Busse zusammen mit dem SD Doppeldecker 3425 und einem E2H Eindecker wurde im November organisiert. Tatsächlich fuhr dann aber Wagen 3425 noch bis zum 21.01.2003 unter BVG-Flagge, wurde dann von Dirk Poguntke vor der Verschrottung bewahrt und zum Stadtrundfahrtbus umgebaut. 3427 hielt bis zum 03.02.2003 durch, wurde dann aber verschrottet. (3425 ist nach einer Komplettsanierung weiterhin bei Berlin City Tour im Einsatz.)

Deutlich anders verlief der Abschied bei den D-Wagen. Am 16.11.2009 wurde uns vom Direktor Bus der BVG, Johannes Müller, unter Teilnahme der Presse der nummerisch und für die BVG letztgebaute Wagen 3967 dieser Generation symbolisch übergeben, um dann am Nachmittag gleich wieder für den Betriebshof Müllerstraße auf Strecke zu gehen. „Unser“ Bus war dann tatsächlich bis zum 22.12.2009 immer wieder regelmäßig für die BVG unterwegs. Aber immerhin, es gab eine feierliche Übergabe und die „Verabschiedung“ der letzten nicht behindertengerechten Wagen. Unplanmäßig waren viele D´s zu Kilometermillionären geworden und einige Wagen erreichten eine Betriebsdauer von 22 Jahren! 1,3 Mio Kilometer auf dem Tacho war bei etlichen zu lesen. Bei Indienststellung war nicht abzusehen, dass diese Generation mal so alt werden würde.

Es folgten nur kurze Zeit später die DN, als am 12.2.2010 die letzten 10 im Einsatz befindlichen Wagen (für Außenstehende unerwartet) ebenfalls abgestellt wurden. Einen Abschied von dieser etwas glücklosen Kleinserie von insgesamt 87 Bussen gab es nicht.

Bevor sich der Kreis nun schließt und wir wieder beim MAN DL A39 mit seinen drei Achsen ankommen, schauen wir ins Jahr 1958, als im September die letzten D38 Vorkriegs-Doppeldecker, ebenfalls mit 3 Achsen, ausgemustert wurden. Vermutlich waren die Fahrer froh, diese im Vergleich zum modernen D2U absolut antiquiert wirkenden Busse nicht mehr fahren zu müssen. Auch für die Werkstätten wird die ältere Technik einen höheren Wartungsbedarf bedeutet haben. Aber immerhin, seit den fünfziger Jahren hat die BVG-West relativ konsequent immer mindestens einen Vertreter einer Busgeneration aufbewahrt. Das kann absolut als Würdigung abseits der Abschiedskultur betrachtet werden. Leider setzte die BVG 1993 einen Schlussstrich unter ihre Bussammlung.

Um diesen viel zu langen Text noch länger zu machen, blicken wir zum „Abschied“ noch ein wenig auf die Straßenbahn in West-Berlin. Denn wie Bilder zeigen, waren die Linienabschiede, die oft auch das Ende von Fahrzeuggenerationen bedeuteten, wahre Volksereignisse mit Plünderungscharakter. Warum in den sechziger Jahren die strenge BVG und sicher auch die Polizei die Fahrgäste und Abschiedswütigen gewähren ließ, kann ich nur spekulieren. Vermutlich sollten die Menschen begreifen, dass mit der behäbigen Straßenbahn nun Schluss ist und der moderne Bus den Verkehr übernimmt. Das ist vielleicht wie bei einer Beerdigung. Man trägt einen Menschen zu Grabe, kommt zusammen, erinnert sich und feiert – Abschiedskultur!

Stefan Freytag

Nachsatz: Dieser Text würdigt fast nur die Doppeldecker in Berlin, teils nur im Westteil der Stadt, und ist somit nicht als „historisches“ Werk zu betrachten. Denn im Fokus steht, wie der Titel es sagt, der Gedanke der Abschiedskultur.

Stefan Freytag



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zuletzt aktualisiert 6.7.2024