Wagen 1957

Heinz Czerwon fotografierte 1957 mit Krups-Werbung, die der Bus von Juni 1972 bis März 1976 trug.
Bernd Buder hielt die von März 1978 bis zur Ausmusterung angebrachte Werbung für »Möbel-Kunst« am 16.09.1979 fotografisch fest.
Ab 1976 trug 1957 nur noch wechselnde Heckwerbungen für das Möbelhaus »Möbel-Kunst«. Foto von Bernd Buder.
Am 14. Mai 1994 konnte 1957 nach vielen Problemen und Wirrungen endlich den Heimweg nach Berlin antreten.
Die Firma Manika in Güstrow zerlegte unseren Bus bis auf das Gerippe und baute ihn fast von Grund neu auf.
Die Firma Manika in Güstrow zerlegte unseren Bus bis auf das Gerippe und baute ihn fast von Grund neu auf.
Während der Lackierarbeiten am 05.07.1999 bei der Firma Manika in Güstrow.
1957 vor der Abholung in Güstrow bei der Firma Manika.
Endlich fertig! 1957 bei einem Foto-Shooting an der Haltestelle Schildhorn.
Vorderachse Wagen 1957
Sonst nicht gut sichtbar: die Einzelradaufhängung besaßen nur die E2H 71; die folgenden Busse erhielten auf BVG-Wunsch die gewohnten Starrachsen.
Wagen 1957, Unterboden vorne
Ansicht des Unterbodens von vorne links: das Lenkgestänge zwischen Fahrerplatz und Vorderachse ist gut zu erkennen.

Büssing E2H 71 (Büssing 110V-SL)

Der Wagen 1957 entstammt einer Serie von 60 Fahrzeugen der Bauart BS110V-SL, die zwischen Oktober und Dezember 1971 von der Firma Büssing in Salzgitter gefertigt wurde und bei der BVG unter der Bezeichnung Bü E2H 71 (Büssing, Eindecker, 2 Achsen, Heckmotor, Baujahr 1971) geführt wurde.

Obwohl bereits seit 1968 in vielen bundesdeutschen Städten neue Standardbusse zuverlässig ihren Dienst versahen, zögerte die BVG noch einige Zeit, bis auch sie Autobusse dieses Typs bei ihrem Hauslieferanten Büssing bestellte. Dadurch entstand das Kuriosum, dass diese Busse als Büssing beschriftet geliefert wurden, durch die bevorstehende Übernahme der Firma Büssing von der Karosserie her aber schon eine MAN-Konstruktion waren. Die Fahrzeuge wiesen auch sonst einige große Unterschiede zu den in anderen Städten beschafften Wagen auf. So wurde von der BVG ausdrücklich die sogenannte Stülb-Front mit großer, über die Seiten gezogener Frontscheibe gewünscht, die eigentlich für den gerade neu entwickelten Standard-Überlandbus bestimmt war. Diese Ausführung war die erste Lieferung jener später weit verbreiteten Variante.

Auch wurden die Berliner Fahrzeuge auf der linken Seite nicht voll bestuhlt, um auf diese Weise eine größere Zahl von Stehplätzen zu erhalten (37 Sitz- und 71 Stehplätze). Ebenso verzichtete die BVG auf eine Neumotorisierung der Fahrzeuge. Hier wurden generalüberholte Büssing U10-Motoren eingebaut, die aus bereits ausgemusterten Doppeldeckern der Bauart D2U 55 stammten. Der markante Klang dieser Motoren aus den 50er Jahren steht auch heute noch im Widerspruch zu der modernen Karosserie.

Es dürfte wohl auch bei Büssing nicht häufig vorgekommen sein, dass ein Käufer Neufahrzeuge bestellt und die dazugehörenden Motoren gleich mitbringt. In Berlin angekommen, erhielten die Fahrzeuge noch weitere Nachrüstungen, wie z.B. den Einbau der Klappschranken am Ausstieg, die Ausrüstung mit Betriebsfunk usw.

Unser Wagen 1957 wurde daher erst am 10. Januar 1972 zugelassen und dem Betriebshof Helmholtzstraße zugeordnet. Während seiner Einsatzzeit wurde der Bus von Juni 1972 bis zum März 1976 mit einer Bandwerbung für Hausgeräte der Marke »Krups« versehen, ab März 1978 bis zur Ausmusterung war 1957 mit einer Heckwerbung mit wechselnden Motiven für das Einrichtungshaus »Möbel-Kunst« versehen. Im Herbst 1973 wurde der Bus dem Betriebshof Usedomer Straße zugeteilt, von dem aus er im Herbst 1977 zum Betriebshof Cicerostraße gelangte. Die Ausmusterung des Busses erfolgte am 25. Juli 1980.

Schon kurze Zeit nach der Abstellung wurde der Wagen 1957 in das nördliche Ruhrgebiet verkauft. Leider ließ sich die Spur der diversen Eigentümer zwischen 1980 und 1991 nicht eindeutig klären, da zu dieser Zeit ein Ersatz-Kfz-Brief ausgestellt wurde. Bekannt sind nur Einsätze im Raum Düren und Wesel.

Im Ort Rheinberg, Ortsteil Borth (zwischen Xanten und Duisburg), wurde der Bus im Sommer 1992 dann erstmals durch uns gesichtet. Gegenüber dem Besitzer zeigten wir gleich unser großes Interesse am Kauf dieses Busses, da dieser außer dem Museumswagen 2000 im Deutschen Technikmuseum Berlin das letzte Exemplar dieser Fahrzeugserie darstellt. Leider teilte uns der damalige Besitzer - Firma Stolze-Reisen - mit, dass sie den Bus noch für ein weiteres Jahr im Schulbusverkehr einsetzen wolle. Auch wenn die Enttäuschung groß war, nun doch noch mindestens ein weiteres Jahr abwarten zu müssen, wurde weiterhin der Kontakt zum Besitzer des Busses gehalten.

Der nächste Anruf der Firma Stolze im Sommer 1993 war nicht viel erfreulicher: Ausgerechnet eine Woche vor Beginn der Sommerferien 1993, zu denen wir den Bus hätten übernehmen können, versagte der Motor mit Kolbenfresser seinen Dienst. Nun lag es an uns, einen passenden Motor zu organisieren. Dazu kauften wir im Oktober 1993 vom Bundesgesundheitsamt in Berlin den dort noch vorhandenen Wagen 2955, ein MAN SL 195 des Baujahres 1973, in denen ebenfalls noch Büssing U10-Motoren eingebaut wurden. Aus diesem Wagen bauten wir den Motor aus und schickten ihn per Spedition zur Werkstatt Scheller, die im Winter 1993 / 1994 diesen Motor in Wagen 1957 einbaute.

Als wir im nächsten Anlauf im Mai 1994 dann den kompletten Bus endgültig in Empfang nehmen wollten, stießen wir auf neue Probleme: die Firma Stolze war inzwischen in Konkurs gegangen. Unser Bus stand zwar noch da, aber der KfZ-Brief war unauffindbar. Erst nach langem Suchen und vielen Telefonaten wurde das Dokument bei der Tochter des Besitzers ausfindig gemacht. Beruhigt konnten wir am 14. Mai 1994 die Rückreise nach Berlin antreten.

In seiner alten Heimat angekommen, ging es erst einmal daran, die Substanz des Wagens in Augenschein zu nehmen. Hierbei stellte sich heraus, dass eine über 20-jährige Einsatzzeit nicht spurlos an einem Bus vorübergeht, zumal die Standardbusse aller Hersteller in den ersten Jahren nicht für eine längere Lebensdauer ausgelegt waren. Damals war man noch der Meinung, durch die rationellere Fertigung wäre ein häufigerer Neukauf günstiger. Die tragenden Teile des Unterbaus waren dementsprechend sehr stark von Rost befallen und die Bremsanlage war auch nicht mehr uneingeschränkt nutzbar. Außerdem mussten noch Teile der Inneneinrichtung mit den typischen grünen Polstern wieder in den Originalzustand versetzt werden.

Also entschlossen wir uns, mit der kompletten Aufarbeitung vorerst zu warten. Im Frühjahr 1999 erhielten wir von der Firma MANIKA aus Güstrow ein Angebot, das Fahrzeug karosseriemässig und technisch zu überholen. Da diese Firma bereits Erfahrung mit dem Aufbau von Museumsfahrzeugen hat (Gotha-Gelenkstrassenbahn aus Potsdam, Magirus Saturn aus Hamburg), entschlossen wir uns 1957 in deren Obhut zu geben.

Der Bus war vom 3. Mai bis zum 18. Dezember 1999 in Güstrow und wurde am 31. März 2004 als KOM angemeldet.

(Fortsetzung folgt)

Text: Michael Müller / Stefan Freytag