Wagen 1860
Typ DB E2H 74

28 Jahre Linieneinsatz und kein bisschen leise…

… ist wohl die am besten passende Überschrift, wenn man sich den Lebenslauf des vermutlich letzten noch existierenden Vertreters der Serie DB E2H 74 ansieht. 1860, so seine ehemalige BVG-Betriebsnummer, erblickte nämlich laut Produktionsauftrag von Daimler-Benz im September 1974 mit der Typenbezeichnung O305 das Licht der Welt und wurde nach der Übernahme durch die BVG am 16. September 1974 erstmals zugelassen; sein letzter Einsatztag im Liniendienst – wenn auch längst nicht mehr bei der BVG - war der 14. Mai 2002. Diese 28 Jahre harten Einsatzes haben 1860 ein wahrhaft bewegtes Leben beschert, wobei die exakte km-Leistung nicht feststellbar ist. Fakt ist, dass die ersten übermittelten Werte aus dem Jahr 1984 stammen, mit ca. 125.000 km jedoch nicht der real zurückgelegten Strecke nach immerhin 10 Einsatzjahren (davon 8 ½ bei der BVG) entsprechen können. Heute stehen auf dem Tacho knappe 750.000 km, das Doppelte dieser Zahl ist wahrscheinlich.


Geschichten aus dem Leben von 1860

Harald Kunkel fotografierte 1860 im Juni 1975 in der Olbersstraße

Am 1.10.1981 bannte Hans Koch den Bus 1860 in der Aufstellanlage Hertzallee auf Zelluloid

Aus dem Archiv Senst stammt dieses Foto, Aufnahmedatum ca. August 1980

DB E2H 74 1860 am 23.05.02 während der Überführung
DB E2H 74 1860 am 23.05.02 während der Überführung

Die erste Zeit fuhr 1860 »nackt« durch das westliche Berlin, bis er dann am 13. November 1975 seine erste und einzige Bandwerbung erhielt: »Brandy Stock 84« in der dritten Werbeversion. Am 9. April 1981 wurde sie wieder gelöscht. Bis kurz vor der Abstellung wechselten sich nun nur noch Heckwerbungen ab: vom 13. April 1981 bis 27. August 1982 warb die »Toyota Motor Company« in der ersten Version, es folgte am Tag der Löschung der »Toyota« -Werbung »Möbel Höffner« mit der ersten Version seiner Heckwerbung, die am 18. Oktober 1982 durch die zweite Version ersetzt wurde. Ab 19. April 1983 war 1860 dann wieder werbefrei.

Der Bus wurde nach Indienststellung im September 1974 dem Betriebshof Helmholtzstraße zugeordnet, um schon wenige Monate später zum Betriebshof Spandau umgesetzt zu werden. Im Herbst 1977 kehrte 1860 zu seinem Ursprungs-Betriebshof Helmholtzstraße zurück und verblieb dort bis zur Ausmusterung.

Am 1. Mai 1983 wurde die gesamte Serie DB E2H74 abgestellt. Bis auf zwei Busse, 1862 und 1864, die aufgrund von Rahmenbrüchen nur noch als stationäre Büroräume bei zwei Gebrauchtwagenhändlern in Berlin eingesetzt wurden und des schon früher unfallbedingt aus dem Bestand ausgeschiedenen Wagens 1097, sind alle Fahrzeuge an das Omnibus-Gebrauchtwagen-Center (OGC) von Mercedes-Benz in Frankfurt (am Main) verkauft worden. Von dort nahm unser Bus etwa ein Jahr später seinen Weg nach Würzburg zur NVG Omnibus-Betriebsgesellschaft mbH, wo er zusammen mit einigen Neuwagen in Dienst gestellt wurde. Bis zum 23. April 1999 (16 Jahre nach der Abstellung bei der BVG!!!) war er regelmäßig auf verschiedenen Stadtlinien eingesetzt, irgendwann zu Beginn seiner Einsatzzeit erhielt er seine jetzige hellgelbe Lackierung mit einem umlaufenden roten breiten Streifen an der Blechunterkante und jeweils einem schmalen ober- und unterhalb der Fenster. Im mittlerweile stolzen Alter von über 25 Jahren, jedoch von der NVG immer sehr gut gepflegt und repariert, wurde er über MAN in Würzburg an die Reiseagentur Mahler in Würzburg-Gerbrunn als Zugabe zu einem Reisebus »verschenkt«. Diese Firma, die noch am 7. Mai 2002 in Dietmar Ottmar Mahler umfirmierte, nutzte ihn weiter als Linienbus auf einer Schülerlinie. Als er Ende April bei einem TÜV-Termin durch einige kleinere Mängel »patzte« und mittlerweile vor allem im Innenraum durch zerrissene Polster auch nicht mehr wirklich ansehnlich war, entschied sich Herr Mahler, den Bus mit Beginn der Ferien am 14. Mai 2002 abzustellen.

Glücklicherweise hatten wir im Februar 2002 im Internet über die Yahoo-Group »busfotos« von der Existenz dieses Busses erfahren und uns gleich mit der Firma Mahler in Verbindung gesetzt. Am 23. Mai 2002 wurde 1860 auf eigener Achse und völlig problemlos nach Berlin überführt. Er wird nach einigen kleineren Reparaturen vorerst im letzten Einsatzzustand aufbewahrt und soll auf verschiedenen Veranstaltungen gezeigt werden. Seine weitere Zukunft ist zunächst gesichert.
Ironie der Geschichte: hätten wir nur ein halbes Jahr früher gewusst, dass dieser vermutlich letzte Vertreter der BVG-Baureihe DB E2H 74 noch existiert, hätten wir unseren Bus
1405 aus der Serie DB E2H 77 wahrscheinlich nicht sanieren lassen, sondern hätten uns wohl für 1860 entschieden, um ein Exemplar aus der ersten Serie und eines aus der letzten (DB E2H 84, Wagen 1986) zu erhalten….

PS.: die Überschrift dieses Artikels enthält eine kleine Unwahrheit… Die Busse vom Typ O 305 waren bei der BVG durch zahlreiche Geräuschdämmungsmaßnahmen von Anfang an sehr leise, was auch bei 1860 noch immer ist der Fall ist.

Text: Björn Draegert
(für den der »König« der Autobusse noch immer ein DB O 305 G ist, wobei die BVG diese Bauart jedoch leider nie im Bestand hatte)