Wagen 1376

Wagen 1376, MAN SL 200
Das Foto könnte halbwegs aktuell sein, anhand der Altbau-Doppeldecker im Hintergrund ist aber zu erkennen, dass es den Wagen in seiner BVG-Einsatzzeit abbildet.
Wagen 1376, MAN SL 200
Die Heckansicht entstand vor der damaligen ATB-Fahrzeughalle in der Zehlendorfer Wupperstraße.
Wagen 1376, MAN SL 200
Wagen 1376 neben dem Bi-Motor-Versuchsbus, Wagen 4000. Foto: Rüdiger Messer
Wagen 1376, MAN SL 200
Auch Fahrzeuge des Typs DE wurden mit Fahrschuleinrichtungen versehen. Foto: Dieter Gammrath, Archiv Putzke
Wagen 1376, MAN SL 200
Blick auf den Fahrlehrerersitz des zum Fahrschulbus umgebauten Wagens 1109 (D2U 55). Foto: Dieter Gammrath, Archiv Putzke
Wagen 1376, MAN SL 200
Blick auf die Doppelbedienungseinrichtung des zum Fahrschulbus umgebauten Wagens 1109 (D2U 55). Foto: Dieter Gammrath, Archiv Putzke

MAN E2H 76

Wohl eher wenig bekannt dürfte sein, dass die BVG zur Schulung und Ausbildung ihres Fahrpersonals eine Fahrschule betreibt. Bestand deren Aufgabe zu früheren Zeiten ausschließlich in der Ausbildung des eigenen Fahrpersonals, so öffnete sich im Laufe der Zeit diese Einrichtung zunehmend auch für Dritte, so dass heute neben der eigentlichen Fahrerausbildung noch Tarifschulungen für das Fahrpersonal der im Auftrag der BVG verkehrenden Subunternehmer und auch die Führerscheinausbildungen für Betriebsfremde bei der BVG-Fahrschule möglich sind.

Wie bei jeder anderen Fahrschule auch macht dies das Vorhalten einer gewissen Anzahl von Fahrzeugen erforderlich, die mit einer so genannten Doppelbedienung, also zusätzlicher Gas-, Brems- und Kupplungspedale sowie einem zusätzlichen Fahrlehrersitz ausgestattet sind. Da Busse mit einem Fahrlehrersitz im Einstiegsbereich nicht im Linieneinsatz verkehren dürfen, sind die Fahrschulwagen so vorbereitet, dass dieser Sitz mit wenigen Handgriffen ausgebaut werden kann, damit der Bus im regulären Linieneinsatz einsatzfähig ist.

Als im Jahre 1976 altersbedingt die Abstellung der letzten Fahrschul-Linienbusse mit Schaltgetriebe (Doppeldecker der Bauart D2U 56) erfolgte, standen der BVG-Fahrschule nur noch Fahrzeuge mit Automatikgetriebe zur Verfügung. Da aber ein auf einem mit Automatikgetriebe ausgestatteten Fahrzeug erworbener Führerschein nicht zum Fahren eines entsprechenden Busses mit Schaltgetriebe berechtigt, wurden im Jahre 1976 insgesamt zehn MAN-Eindecker (Wagen 1371 - 1380) mit Schaltgetriebe angeschafft. In der Vergangenheit erwarb jedoch nicht jeder BVG-Busfahrer im Rahmen seiner Ausbildung eine entsprechende Berechtigung zum Fahren von Schaltwagen, demzufolge konnten diese Fahrzeuge nicht im regulären Linienbetrieb eingesetzt werden. Lediglich in Ausnahmefällen, wie zu Großveranstaltungen oder als im Februar 1987 aufgrund eines ausgerufenen Smog-Alarms ein Fahrverbot für PKW verhängt wurde, waren vereinzelt auch die Fahrschulbusse im Linieneinsatz anzutreffen.

Der Wagen 1376 wurde am 12. August 1976 polizeilich angemeldet und dem Betriebshof Müllerstraße zugeordnet, auf dem noch heute die BVG-Fahrschule beheimatet ist. Da diese Busse nicht im regulären Linieneinsatz standen, waren sie als Werbeträger recht uninteressant und wurden deshalb auch lediglich mit sogenannten Heckwerbungen versehen, einer Werbeform, die sich auf die Fläche der Heckklappe des Busses beschränkt. So wurde 1376 von November 1976 an mit einer Heckwerbung für das Möbelhaus »Möbel-Hübner« versehen, die im Juli 1980 von einer Heckwerbung für das Autohaus »Motor-Company« abgelöst wurde. Mit wechselnden Motiven behielt 1376 die Werbung für das Autohaus bis zu seiner Abstellung am 20. Oktober 1988.

Aufgrund der verhältnismäßig geringen Kilometerlaufleistungen und der vorhandenen Fahrschuleinrichtung fanden sich für alle zehn Fahrschulbusse nach deren Ausmusterung bei der BVG recht schnell neue Eigentümer. 1376 wurde noch im Monat der Abstellung an das Unternehmen Fritz von Muhlert in 46459 Rees verkauft, welches den Bus schon im Februar des Folgejahres an den Omnibusbetrieb Faltraco in 46485 Wesel weitergab. Dieser setzte 1376 noch bis zur Übernahme des Busses durch die Berliner Autobussammler Carsten Lau und Dirk Poguntke im Mai 2000 im Schülerverkehr ein. Als sich Carsten Lau im September 2001 aus privaten Gründen von diesem Bus trennen wollte, bot sich somit die Übernahme des Fahrzeuges durch die Traditionsbus und Einreihung in den Museumsfuhrpark an.

Wie bereits vorher beschrieben, passt dieser so gut wie nie im Fahrgastverkehr eingesetzte Fahrschulbus vielleicht nicht ganz in unsere bisherige Sammlung Berliner Linienbusse, stellt aber aufgrund der für Berliner Verhältnisse sehr ungewöhnlichen Ausstattung mit Schaltgetriebe und des guten Fahrzeugzustands eine Ergänzung zu den bisher in der Fahrzeugsammlung vorhandenen MAN- bzw. Büssing-Eindeckern 1242 und 1957 dar.

Noch ein Kuriosum am Rande: Über elf Jahre nach dem Ausscheiden von 1376 aus dem BVG-Bestand kehrte der Bus zwischen September und November 2000 an seine alte Wirkungsstätte zurück. Aufgrund eines erhöhten Bedarfs an Fahrschulbussen mit Schaltgetriebe bei der BVG wurde der Bus noch einmal für einige Monate an die BVG-Fahrschule ausgeliehen. Nicht wenige altgediente Fahrlehrer der BVG bekamen beim Anblick des Busses und bei der Erinnerung an diese Fahrzeuge glänzende Augen...

Text: Christian Neuhaus