Wagen LVG 70

Wagen 70 im Jahr 1972 bei der feierlichen Übergabe im Werk des Berliner Aufbauherstellers Orenstein & Koppel. Foto: Archiv Traditionsbus Berlin
Erstmal Pause machen... Wagen 70 in der Wendeschleife des kleinen ZOB am Strandbahnhof in Travemünde. Foto: Frank von Riman-Lipinski, 1986
Wenig später stürmen Fahrgäste Bus 70 am Travemünder Strandbahnhof, um mit ihm nach Lübeck zu »reisen« Foto: Frank von Riman-Lipinski, 1986
So haben wir den Wagen von der Firma Estelit in Dülmen am 24.06.96 übernommen. Foto: Frank von Riman-Lipinski, 1996
Und so sah er damals von hinten aus.... Während sich die Karosserie von außen im Bestzustand zeigte, konnte davon darunter und im Bodengerippebereich nicht die Rede sein... Foto: Frank von Riman-Lipinski, 1996
Nach der Restaurierung statten wir zusammen mit seinem neueren (Museums-) Kollegen, LVG-Wagen 14 (SD 83), seiner alten Heimat Travemünde einen Besuch ab. Foto: Michael Müller

Büssing DE, DE 72, Typ LVG

Die LVG-Serie Büssing DE 72

Gegenüber den Berliner Fahrzeugen wiesen die DE der LVG einige nennenswerte Unterschiede auf. Technisch betrachtet besaßen zwar alle Wagen den Büssing-U7-Unterflurmotor, jedoch wurde bei den LVG Fahrzeugen das Getriebe den dortigen Überlandbedingungen angepasst. Alle von der LVG neu beschafften DE erhielten bereits ab Werk ein Voith Dreistufengetriebe, wodurch die Fahrzeuge eine größere Laufruhe hatten sowie Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 100 km/h erreichten.

Daneben gab es aber auch beim Aufbau einige Unterschiede: Gegenüber der Berliner Ausführung bestellte man Fahrzeuge mit einer Rollbandbeschilderung wodurch auch die große Liniennummer in der Front entfiel. Weiterhin waren sowohl die Vorder- als auch die Hecktür nur manuell zu bedienen. Die von Berlin her bekannten Klappschranken am Ausgang zur Türschließsicherung konnten daher entfallen. Außerdem verwendete man bei der LVG eine rote Kunstlederbestuhlung und eine Leuchtstoffröhrenbeleuchtung. Diese Beleuchtungsart wurde bei der BVG erst später nachgerüstet.

Warum wird ein Lübecker Autobus in einer Berliner Museumssammlung aufbewahrt?

Vielfach wird uns die Frage gestellt, warum Traditionsbus Berlin in einem ansonsten reinen BVG-Wagenpark auch einen Autobus aus Lübeck erhält. Dazu ist anzumerken, dass es uns interessant erschien, auch einen Sachzeugen eines in Berlin gebauten Busses zu erhalten, welcher sein ganzes »Busleben« außerhalb unserer Stadt verbracht hat. Gerade im direkten Vergleich fallen vielfach Unterschiede zwischen einem Büssing DE 72 aus der Berliner Serie und einem aus der parallel verlaufenden Lübecker Kleinserie dem Betrachter erst richtig ins Auge.

Außerdem waren die Doppeldecker bei der LVG aufgrund der Ähnlichkeit zu Fahrzeugen der BVG seither ein beliebtes Fotoobjekt Berliner Autobusliebhaber. Auch unsere Traditionsbusser machen noch heute häufig Besuche bei der LVG oder verbringen oft ihren Urlaub dort. Denn noch bis 2007 fuhren in Travemünde Doppeldeckbusse aus Berliner Lieferung, zuletzt vom Typ MAN SD 202. Auch bestehen gute Kontakte zur LVG oder zum Verein Historischer Stadtverkehr Lübeck, welcher ebenfalls Museumsfahrzeuge der Heimatstadt (Stadtverkehr Lübeck) erhält.

Wagen 70 sowie die Ersatzteilspender Wagen 72 und 75

Der durch Traditionsbus Berlin erhaltene Museumsbus ist der Wagen 70. Er wurde am 01. Juni 1972 in Lübeck zugelassen und verkehrte dort bis zu seiner Ausmusterung am 08. März 1984. Ersetzt wurde er durch zwei Fahrzeuge des Typs MAN SD 83, welche die Nummern 14 und 15 erhielten (Wagen 14 wird von uns übrigens ebenfalls als Museumsbus erhalten, Wagen 15 fungiert in Lübeck nach einem Umbau zum Cabrio als Stadtrundfahrtbus). Während seiner Laufzeit in Lübeck sind keine spektakulären Ereignisse über unseren Wagen 70 bekannt geworden. Als einzige Bandwerbung trug er jahrelang Werbung für das an der Ostseeküste bekannte Kaufhaus MATZEN.

Nach seiner Ausmusterung wurde Wagen 70 noch im April 1984 an das Baustoffwerk Estelit in Dülmen verkauft. Dort wurde das Fahrzeug hauptsächlich als Werbewagen mit dem amtlichen Kennzeichen COE-ET 1 eingesetzt.

Nachdem man im Jahre 1996 keine Verwendung mehr für den Bus fand, konnten wir den Wagen am 24. Januar 1996 übernehmen. In diesem Jahr lief der Bus als Sonder-Kfz mit dem Kennzeichen B-LJ 591. Eine komplette Karosserieaufarbeitung erhielt der Wagen zwischen August 1996 und Februar 1997. Dabei wurde er wieder komplett in den Ursprungszustand zurückversetzt. Seit dem 25. August 2000 steht nun wieder ein zugelassener Museumsbus für die interessierte Öffentlichkeit zur Verfügung. Aufgrund des über 30jährigen Fahrzeugalters konnte Wagen 70 sogar seit dem 04. Juni 2002 mit einem Historienkennzeichen B- LV 179 H versehen werden.

Wagen 72 und 75

Zur Vervollständigung des Museumsbusses 70 mit Originalteilen wurden durch Traditionsbus Berlin zwei ehemalige LVG-Autobusse ausgeschlachtet. Dies waren die Wagen 72 und 75 (beides DE 72).

Wagen 72 wurde nach Ausscheiden aus dem LVG-Dienst im Februar 1988 an den Dschungelbusch e.V., einem Verein für Stadtteilkultur in Hamburg, weitergegeben. Er wurde ab 25. August 1988 mit dem Kennzeichen HH-ZV 71 zugelassen (später HH-WE 891) und als Kinderspielbus genutzt. Im Dezember 1992 wurde er an das Stadtjugendamt Neumünster mit gleicher Nutzung verkauft. Eine Zulassung auf das Kennzeichen NMS-412 erfolgte allerdings erst im März 1994. Im Dezember 1997 kaufte das Stadtjugendamt Neumünster mit dem ehemaligen BVG-Doppeldecker 3046 (MAN SD 77) ein Nachfolgefahrzeug für die Kinderbetreuung, weshalb sich die Übernahme des DE durch Traditionsbus Berlin für die Ersatzteilgewinnung anbot. Anschließend wurde 72 im Jahre 2000 verschrottet.

Wagen 75 wurde ebenfalls nach dem Ausscheiden aus dem LVG-Einsatz verkauft und gelangte im Dezember 1985 zur Firma Gråhundbus in Kopenhagen, die diesen Bus mit dem Kennzeichen CT 78.557 noch bis 1988 auf der Linie 999 zwischen Kopenhagen und Malmö im Liniendienst einsetzte. Im Jahre 1989 wurde die Linie und der Wagenpark durch die Stadt Kopenhagen übernommen, womit Wagen 75 aus dem Linienbetrieb ausschied und abgemeldet wurde. Danach ist der Bus an den Autohandel John Staaling in Viborg als Lagerraum verkauft worden. Hier stand das Fahrzeug bis zur Wiederauffindung durch uns im Jahre 1996. Nach Absprache mit dem dortigen Besitzer war es uns im Oktober 1996 möglich, auch aus diesem Fahrzeug wichtige Ersatzteile vor Ort auszubauen. Nach der Ausschlachtung wurde der Wagen schließlich dort zerlegt. Somit haben auch diese zwei Wagen zur Aufarbeitung unseres zulassungsfähigen Museumsfahrzeuges LVG 70 beigetragen. Im Mai 1997 konnte LVG 70 wieder als Kraftomnibus zugelassen werden, und dank seiner hohen Sitzplatzkapazität und des Drei-Stufen-Getriebes wurde er gerne bei Sonderfahrten auch ins Berliner Umland eingesetzt.

Siebzehn Jahre nach der letzten Aufarbeitung standen bei Wagen 70 wieder umfangreiche Instandsetzungen an. Dazu wurde der Bus im März 2014 zur Firma Omsa in Güstrow überführt, um Maßnahmen im Wert von rund 10.000 Euro durchzuführen. Dazu wurden alle Fenster ausgebaut, um Korrosionsschäden an den Fensterrahmen zu beseitigen.

Text: Michael Müller