Wagen LVG 45
MAN D 92 (SD 202, Typ LVG)

Im Jahre 1992 standen der Lübeck-Travemünder Verkehrsgesellschaft (LVG) für den Linienbetrieb acht Doppeldecker zur Verfügung. Der Wagenpark bestand aus drei aktiven Bussen der Serie SD 200 - Wg. 26 (ex BVG 2869), 14 und 15 - und fünf Bussen der Serie SD 202, den Wagen 24, 25, 27, 28 und 37.

Da bereits abzusehen war, dass zumindest die beiden älteren SD 200 bald zu ersetzen sein würden, entschloss sich die LVG, bei der Berliner Firma Waggon-Union / ABB-Henschel noch weitere vier Busse der Serie SD 202 zu bestellen. Man beteiligte sich an der zeitgleichen BVG-Bestellung der Serie D92 (Wagen 3928-3967).

Die vier Wagen für die LVG mit den Wagennummern 42, 43, 44 und 45 wurden dann im November 1992 ausgeliefert. Auffällig war, dass die Busse erstmals nicht in den Hausfarben der LVG (rot) ausgeliefert wurden. Die Wagen 42 bis 44 kamen in weiß, der Wagen 45 in dunkelblau. Diese Grundfarben waren schon als Untergrund für zukünftige Pop-Vollwerbungen geplant.

Obwohl die Busse der BVG-Serie entstammten, gab es aber auch bei diesen Wagen einige Änderungen zu den Berliner „Kollegen“. Für das spezielle Einsatzgebiet zwischen Lübeck und Travemünde bestellte die LVG auch für diese SD 202 eine veränderte Hinterachse und ein anderes Hinterachsdifferenzial. Auf diese Weise erreichten sie 85 km/h. Außen, an der Heck- und Frontklappe, erhielten sie zusätzlich zum Schriftzug „Waggon-Union“ ein Zusatzschild „Berlin“. In Innenraum wurden die Wagen mit zusätzlichen Lampenkörpern versehen, da SD 202 bei Dunkelheit traditionell sonst immer eher etwas Schummerlicht spendeten. Außerdem befanden sich an den Haltestangen in Unterdeck zusätzliche Halteschlaufen.

Auch bei den Fahrzielanzeigen betrat die LVG Neuland. Alle vier Wagen waren ab Werk mit einer Vollmatrix-Anzeige der Firma Krüger ausgestattet. Leider hatten sich hier die Mitarbeiter bei der Waggon-Union beim Ausmessen der Fläche zur Aufnahme der Frontanzeige vertan. Laut Angaben des Herstellers sollte nur die kleinere Seitenanzeige in die Front passen. Daraufhin wurden die Wagen mit identischen kleinen Front- und Seitenanzeigen ausgeliefert, wodurch das Frontanzeigenfeld nur halb gefüllt war. Erst 1995 bei der späteren Umrüstung der älteren LVG-SD 202 von Zielbändern auf Vollmatrix stellte sich heraus, dass die großen Front-Anzeigen doch in die Busse gepasst hätten. Aus diesem Grund hatte die 92er Serie bis zur Ausmusterung nur die kleinen Frontzielanzeigen, während die älteren Serien mit den großen Anzeigen umherfuhren.

 

LVG Wagen 45

Der Wagen 45 ist ausweislich der Fahrgestellnummer WMA 592 0506 C001156 der vorletzte je gebaute D-Bus, während der letzte überhaupt gebaute SD 202 mit der Fahrgestellnummer WMA5920507C001157 der ehemalige Wagen 43 der LVG war. Vor diesen beiden ist der letzte für die BVG gebaute SD 202, Wagen 3967 mit der Fahrgestellnummer WMA5920505C001155 angesiedelt.

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LVG 45 verläßt die Waggon Union auf dem Weg nach Lübeck, Foto: C. Lau

Wagen 45 wurde am 1. Dezember 1992 in Lübeck auf das Kennzeichen HL-J 587 zugelassen. Wie schon erwähnt, erhielt er bereits ab Werk eine dunkelblaue Lackierung und wurde unmittelbar nach Indienststellung am 3. Dezember 1992 mit einer POP-Vollwerbung für das Travemünder Kaufhauses „Matzen“ versehen. Dieser Firma blieb er auch bis zu seiner Ausmusterung (und bis heute) treu.

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Erste Einsätze in Lübeck-Burgfeld, Foto: M. Göltzer

Im Dezember 1994 erhielten nach dem Verkauf der LVG an die Stadtwerke Lübeck alle Pop-Busse eine neue rote Front.

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LVG 45 am Strandbahnhof in Travemünde, Foto: M. Müller

Im Januar 1998 erhielt unser Wagen 45 einen Neulack in blau und eine 2. Version der Matzen-Werbung. Diese beinhaltete dasselbe Design und Anordnung, aber eine größere Schrift.

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Wieder am Strandbahnhof: LVG 45, nun mit neuer Werbeversion, Foto: M. Müller

Im September 2001 erhielt der Wagen eine Aufarbeitung des Unterbaus mit Seitenwandsanierung in der Werkstatt des Stadtverkehrs Lübeck am Ratekauer Weg. Wie sich erst später herausstellte, lag leider damals das Augenmerk mehr im Austausch der unteren Seitenbleche, nicht aber bei der Aufarbeitung der Träger und Gestänge am Unterboden.

LVG 45
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Aufarbeitung in der SL-Werkstatt Ratekauer Weg, Fotos: M. Müller

 

Im Anschluß an die Sanierung erhielt Wagen 45 im Oktober 2001 in der eigenen LVG-Werkstatt wieder einen blauen Neulack sowie eine Neubepolsterung der Sitze, jetzt im eigenen LVG-Design.

LVG 45
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LVG 45 gleich nach der Neulackierung, Fotos: M. Göltzer

 

Ebenfalls wurde die 3. Version der Matzen-Werbung aufgebracht. Jetzt gab es auch gegenüber der Vorgängerversion ein neues Design.

 

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Wieder der Strandbahnhof, wieder eine neue Werbeversion, Foto: M. Müller

Leider blieb der Wagen in seiner Einsatzzeit auch nicht von Unfällen verschont. Im August 2002 war er auf der Linie 31 Kücknitz – Lübeck unterwegs. Diese Linie hält am Lübecker ZOB nicht auf dem gegenüberliegenden Freigelände, sondern fährt direkt unter das Vordach des ZOB. Hierbei war der Fahrer aus Unachtsamkeit zu weit unter das tief hängende Vordach gekommen, wodurch das Dach des Doppeldeckers auf ca. einem Meter aufgerissen wurde. Diese „Wunde“ kann man auch heute noch an der ausgetauschten Dachbeblechung erkennen.

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...und dasselbe von vorn, Foto: M. Müller

Im Januar 2003 wurde abermals die Werbung verändert. Es wurde die 4. Version mit dem zusätzlichen Motiv des Segelschiffs Passat aufgebracht. Im Sommer 2003 gab es auch eine konstruktive Änderung am Wagen: In eigener Werkstatt baute die LVG an der Mitteltür eine von Hand zu betätigende Klapprampe ein. Von nun an war der Bus sogar behindertengerecht.

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LVG 45 am Gustav-Radbruch-Platz in Lübeck, Fotos: M. Müller

 

Ab Anfang 2005 änderte sich auch das Einsatzgebiet des Busses. Er pendelte nicht mehr nur zwischen Travemünde und Lübeck oder Bad Schwartau, sondern kam jetzt auch entlang der Ostseeküste zum Einsatz. Er wurde von da an (bis zur Ausmusterung) hauptsächlich auf den ehemaligen Härzer-Linien 80 und 81 von Travemünde nach Haffkrug – Eutin und Neustadt (Holstein) eingesetzt.

 

Der Reisedienst Härzer und deren Linien wurden von der LVG im Jahre 2001 übernommen. Hier machte es wieder Spaß im Doppeldecker durch die vielen kleinen Ortschaften zu reisen. Leider achtete man bei diesen Linien nicht so genau auf den Baumbeschnitt der Strecke, wodurch die Doppeldecker hier so manche Blessur im Dach- und Frontbereich abbekamen. Auch so manche obere Frontscheibe ging hier zu Bruch.

 

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LVG 45 am Bahnhof Eutin, Foto: M. Müller

Im November 2005 wurden die letzen vier verbliebenen SD 202-Busse sogar noch einmal umgenummert. Für diese Busse waren die Nummern 172 bis 175 vorgesehen: „unser“ Wagen 45 erhielt die Nummer 175. So verbrachte er seine verbleibende Zeit bis zu seiner letzten Linienfahrt am 19. März 2007. Danach wurde er mit den drei anderen Wagen 172-174 (ex 25, 43 und 44) erst einmal in der Halle des Betriebshofes abgestellt.

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Abgestellt in der LVG-Halle mit seinen Brüdern, Foto: M. Müller

Am 28. April 2007 befuhr der Wagen 45 ein letztes Mal das Lübecker Netz anlässlich einer Sonderfahrt des Vereins Historischer Stadtverkehr Lübeck (VHSL).

Schon zur Abstellung der letzten vier SD 202-Busse setzten wir uns nun mit dem Verein Historischer Stadtverkehr Lübeck und den Zuständigen bei der LVG in Verbindung, ob dort am Erhalt eines Busses dieser Serie Interesse bestehen würde. Es stellte sich aber heraus, dass die Kapazitäten des Vereins mit einem weiteren Museumsbus (neben dem DB O317, O305 und O305G des SL) überschritten wären.  Daher führten wir nun die weiteren Verhandlungen mit dem Stadtverkehr Lübeck (SL) zur Übernahme eines Busses durch die Traditionsbus Berlin. Man einigte sich auch rasch unter der Bedingung, dass der Bus in Berlin als Museumsfahrzeug erhalten bleibt und zu Veranstaltungen wieder nach Lübeck kommen kann. Nun mußten wir uns nur noch für ein Fahrzeug entscheiden. Nach technischer Begutachtung entschieden wir uns für den Wagen 175, ex 45. Kurze Zeit später kauften wir nun 45 der LVG ab und überführten ihn am 21. Juni 2007 nach Berlin.

 

LVG 45

Bei der Abholung nach Berlin, Foto: S. Soujon

Seitdem wurde der Wagen wieder in den Originalzustand zurückversetzt. Er erhielt unter anderem wieder die alten Wagennummern 45 und alle „Kleinigkeiten“ wie alter LVG-Fahrscheindrucker, -Entwerter, Werbeaushänge usw. Auch wurden die viele Beulen im oberen Dachbereich ausgebessert. Leider lässt der Zustand des Unterbodens zur Zeit keine sofortige Zulassung des Busses zu. Nachdem der Wagen-Unterboden mühsam von Hand von ca. 150 Kilo Sand und Dreck der letzten Jahrzehnte befreit wurde, stellte sich heraus, dass an den Trägern doch einige Rost-Beseitigungsmaßnahmen durchzuführen sind. Daher bleibt der Wagen zunächst als fahrfähiger, nicht zugelassener LVG-D-Bus in der Traditionsbus-Sammlung erhalten.

Aber bei passender Gelegenheit ist auch er zu begutachten, z. B. bei der ATB-Traditionsfahrt am 10. Oktober 2009 zum Thema „Solidaritätsbusse und 20-jähriges Mauerfall-Gedenken“.

Hier stand er als Ausstellungsbus am Roseneck und erinnerte an die LVG-D-Busse im BVG-Einsatz 1989/90.

 

LVG 45

Als Ausstellungsstück nahm LVG 45 an der Traditionsfahrt 2009 teil.
Aktiv war hingegen LVG 14, der gerade vorbeizieht. Foto M. Müller

 

Text: Michael Müller,
Stand Januar 2010

zuletzt aktualisiert 1. Februar 2010 | Ulf Bergmann