Wagen 1126

Büssing D2U (Wagen 1126)
Am 3. Mai 1959 nimmt 1126 seine Haltezeit an der Endstelle in Stölpchensee. Foto: Wolfgang Kramer
Büssing D2U (Wagen 1126)
Geschäftiges Treiben, und ein D2U im Zentrum: Wagen 1126 auf der Linie 89E, angetroffen von Dieter Gammrath.
Büssing D2U (Wagen 1126)
Im Kreise der anderen Museumsbusse repräsentierte 1126 die mittleren Baujahre der D2U zwischen den dem erstgebauten Wagen 700 und dem letzten Wagen 1629.
Büssing D2U (Wagen 1126)
Bernhard Hoff dokumentierte die Wagenreihe in der Museumshalle auf dem Hof Britz am 13. Mai 1977.
Und so präsentiert sich der Bus nach wie vor von vorne...
...und in der Heckansicht. Die Fotos enstanden am 3. Mai 1993, als die ATB den Bus übernahm.

Büssing D2U 56

Unser von der Deutschen Waggon- und Maschinenfabrik (DWM, später Waggon-Union) karossierte Bus 1126 gehört in die Serie D2U 56 und wurde am 9. Februar 1957 an die BVG ausgeliefert und polizeilich zugelassen. D2U ist die Abkürzung für »Doppeldeckbus mit 2 Achsen und Unterflurmotor«. Charakteristisch ist die große offene Heckplattform mit der Treppe zum Oberdeck und der imposante Kühlergrill an der Front. Die Bauart verfügt über einen Büssing-U10-Motor und ein unsynchronisiertes 5-Gang-Schaltgetriebe (jeder, der schon einmal so einen Bus gefahren hat, kann nachvollziehen, woher der Ausdruck »Kraftfahrer« kommt – bei jedem Schaltvorgang will die schwergängige Kupplung getreten werden, Gang herausnehmen, Kupplung loslassen, Kupplung treten, nächsten Gang einlegen; beim Herunterschalten zusätzlich noch Zwischengas geben zwischen den beiden Kuppelvorgängen. Trotz täglichem Umgang mit diesen Bussen gab es auch Fahrer, bei denen es immer »knirschte«). Der D2U 56 ist mit einer kombinierten Druckluft-/Flüssigkeitsbremse mit zwei Kreisen ausgestattet und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 77 km/h (diese sind in der Stadt damals auch schon mal erreicht worden: Es war zum Beispiel keine Seltenheit, dass die Fahrzeuge auf der Linie 14 Richtung Alt-Heiligensee die früher kaum befahrene Ruppiner Chaussee im Spätverkehr mit Vollgas und über 70 km/h entlang fuhren). Anfangs gab es noch eine akustische Geschwindigkeitswarnung bei über 60 km/h (ein Klingeln), die aber meistens abgeklemmt wurde.

Der Bus ist 10,4 Meter lang, 2,5 Meter breit, 4,0 Meter hoch und hat ein Eigengewicht von 9,5 Tonnen. Er bietet 34 Sitz- und 21 Stehplätze im Unterdeck und auf den langen Viererbänken im Oberdeck 36 Sitzplätze.

Da sich immer häufiger Fahrgastunfälle mit der offenen Plattform ereigneten, wurde im August 1968 der Wagen 1126 mit einer Falttür für die Heckplattform und einer geänderten Treppe versehen, die etwas weiter zurückversetzt im Bus begann und abgewinkelt war, damit Fahrgäste, die sich bereits auf der Plattform befanden, besser ins Oberdeck gelangen konnten. Außerdem wurden zusätzliche Blinkleuchten an der Stirnseite angebracht und etwas größere Seitenspiegel montiert.

Der Typ D2U - auch als »Trampelwagen« bezeichnet – prägte das Berliner Stadtbild in den 50er und 60er Jahren und erlangte sogar weit über Berlins Grenzen hinaus große Bekanntheit. Er wurde zu einem regelrechten Markenzeichen der Inselstadt, und so gab es kaum eine Ansichtspostkarte aus dem westlichen Berlin dieser Zeit, auf der nicht auch ein D2U zu sehen war. Nicht umsonst legte die Firma Wiking-Modelle aus Berlin bereits im Jahre 1959 ein Modell dieses Bustyps im Maßstab 1:87 auf, das nach mehrfachem Wechsel der jeweiligen Werbebeschriftung erst im Jahre 1977 aus dem Programm genommen wurde.

Bekanntestes Merkmal der D2U-Wagen war aber der Schaffner mit Galoppwechsler vor dem Bauch, Stempel in der Brusttasche und Fahrscheinblock in der Hand, der nach jeder Haltestelle mit seinem »Noch jemand zugestiegen? Noch jemand ohne Fahrschein?« durch den Bus lief (daher der Ausdruck Trampelwagen). Als »Chef« des Gespanns Fahrer / Schaffner oblag ihm aber nicht nur das Kassieren, sondern er gab auch Auskünfte, rief Haltestellen aus und musste nach Einbau der Plattformtür bei jedem Halt diese schließen und dem Fahrer mit dem »Tüüüt-Signal« das Zeichen zur Weiterfahrt geben.

Der Wagen 1126 ist bei seiner Auslieferung dem Betriebshof Helmholtzstraße zugeordnet worden, war dann von 1958 bis 1963 auf dem Betriebshof Zehlendorf stationiert, wechselte später mehrmals zwischen den Betriebshöfen Helmholtzstraße und Müllerstraße, bevor er schließlich die letzten zwei Einsatzjahre vom Betriebshof Britz aus eingesetzt wurde. Die fälligen Großreparaturen an 1126 wurden im November 1961 und im Mai 1966 durchgeführt.

Während der Einsatzzeit war der Bus mit folgenden Werbungen versehen:

Lux-Zigaretten, 4. Version April 1957 - November 1958
Persil, 3. Version März 1959 - Februar 1960
Möbel-Hübner, Heckwerbung, 1. Version April 1960 - Oktober 1961
Telefunken, 1. Version August - September 1961
Doornkaat Korn, 3. Version Dezember 1961 - April 1966
Onko Kaffee, 4. Version Juni 1966 - April 1968
Kaffee Hag, 3. Version Mai 1968 bis heute
   

Nach über 16 Jahren Dienstzeit wurde 1126 am 10. April 1973 ausgemustert und in die Museumssammlung der BVG eingereiht. Im Jahr 1993 übernahm ihn die Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus Berlin. Er präsentiert sich heute in dem Zustand, wie er 1973 abgestellt wurde. Deutlich erkennt man an der gelben Decke im Oberdeck, dass viel in dem Bus geraucht wurde, denn (leider) war bis 1974 das Rauchen im Oberdeck erlaubt. Aus diesem Grund empfahl es sich damals für die Schaffner, brav ihre Dienstmütze zu tragen, wollten diese nicht mit ihren Haaren mit den Nikotinrückständen an der Fahrzeugdecke in Berührung kommen.

Die im BVG-Museum aufbewahrten Fahrzeuge wurden nach dem Ausscheiden aus dem Linieneinsatz meist nur optisch aufgearbeitet, so dass auch bei diesem Bus noch einiges investiert und getan werden muss, damit er langfristig der Nachwelt erhalten bleibt...

Text: Frank Woschczytzky